die Geschichte des kleinen Engels

der den Himmel verlassen wollte, um auf der Erde zu leben.

Der linke und der rechte Flügel ...

Es war einmal ein kleiner Engel im Himmel, der den unwiderstehlichen Wunsch empfand, sich mit seinen Flügeln nicht nur schützend über die Menschen zu stellen.

Er wollte selber auf ihren Straßen und Wegen gehen, einer von ihnen werden.

rosa Abendwolken hinter dunklen blauen Wolken
hinter den Wolken ...

Eines Tages erblickte er eine soeben erblühte Mohnblume. Da schien es dem jungen Engel, als habe er im Himmel noch nie ein solches Rot gesehen. Seine Sehnsucht, den feurigen Mohn aus nächster Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tag.

So trat er vor die Augen Gottes und bat:

"lass mich bitte auf die Erde; lass mich doch ein Mensch unter Menschen werden!"
Sogleich trat ein weiser Engel hinzu und entgegnete:

"Du weißt doch, dass es auf der Erde nicht nur Sonne und Blumen gibt. Es hat auch Stürme und Unwetter und allerhand Ungemütliches". "Ja", erwiderte der kleine Engel, "das weiß ich. Doch sah ich auch einen Menschen, der hatte die Kraft, einen großen Schirm aufzuspannen, sodass darunter zwei Platz fanden.

Und es schien mir, als könne den beiden kein Unwetter etwas antun."

Da lächelte Gott dem kleinen Besserwisser zu.

Die Zeit verging und eines Tages erschien das junge Wesen wieder vor dem Thron Gottes. "Ich habe mir noch mehr von der Erde angesehen. Es drängt mich mehr und mehr hinunter."

Wieder trat der erhabene Engel vor und belehrte ihn: "weißt du auch, dass es Nebel und Fröste gibt und eine Unzahl verschiedener Arten von Glatteis auf der Erde?"
"Ja, sicher," meinte der kleine Engel, "ich weiß um die Gefahren. Doch ich sah auch Menschen, die teilten ihre warmen Mäntel, und andere, die gingen bei Glatteis Arm in Arm.

Erneut lächelte Gott dem himmlischen Erdenträumer zu.

Als dann wieder einige Jahre verstrichen waren, trat der kleine Engel zum dritten Mal in die Gegenwart Gottes und flehte:

"bitte, lass mich ein Mensch werden. Der Mohn blüht dort unten so unbeschreiblich rot. Mein Herz ist voller Sehnsucht nach diesem Feuer."
Schon wieder trat der Schutzengel dazwischen.

"Weißt du denn nicht, wie schnell diese Art von Blumen welkt, dass sie zerbrechlich und verwundbar sind?" "Bestimmt, und ich weiß auch um die Sterblichkeit. Trotzdem gibt es kein roteres Rot in der Welt und in meinem Herzen. Es lässt mir keine Ruhe mehr."

Nun entsprach Gott dem Wunsch des unruhigen Geistes.

Doch gemäß alter Tradition, musste dieser einen seiner beiden Flügel an der Himmelspforte abgeben.
Und so kam es, dass der kleine Engel auf der Erde die Suche nach seinem feurigen Mohnfeld etwas schwerfällig und mit Linksdrall begann.

Der Weg führte ihn durch die weite Welt.
Ständig wurde er aufgehalten; die Erde schien auf einmal nur noch aus Stürmen und Ungemütlichem zu bestehen. Je verzweifelter er suchte, umso mehr Unverständnis und Ablehnung fand er vor.

Niemand wollte mit dem unerfahrenen Engel gemeinsame Sache machen; keiner spannte für ihn einen großen Schirm auf und einen wärmenden Mantel bekam er schon gar nicht. Waren etwa das flammende Rot der Mohnblume und all die guten Menschen auf der Erde bloß eine optische Täuschung aus dem Jenseits gewesen?

Doch das Verlangen waren stärker als der Zweifel. Obwohl es aussichtslos schien, blieb er seiner Suche entschlossen treu.

So gelangte er eines Tages müde an der Rand eines Abgrundes. In der Ferne entdeckte er, jenseits eines gewaltigen Flusses, sein ersehntes Mohnfeld.

Ein derart festliches Rot hatte er nun wirklich noch nie gesehen! Er meinte, das Blut von Mutter Erde vor sich zu haben. Der alt gewordene kleine Engel weinte vor Freude und Trauer zugleich. Denn er musste einsehen, dass er diesen Graben ohne fremde Hilfe niemals würde überqueren können.

glühend rote Wolken mit letzten Sonnenstrahlenin Sonnenbühl im Vordergrund links eine dunkle Baumsilhouette
über den Horizont ...

Während er vor sich hin trauerte, gesellte sich ein Wanderer zu ihm und gemeinsam bestaunten sie den unbeschreiblich glühenden Horizont.
Gezeichnet von den Stürmen des Lebens überlegte der Engel:

"so müsste denn wohl die Farbe der Liebe sein."

"Ja, aber weißt du denn nicht, wie schnell diese Art von Blumen welkt, dass sie verwundbar und zerbrechlich sind?", hörte der ehemalige Himmelsbewohner seinen Begleiter flüstern.

Und der Mensch, der einmal ein Engel gewesen war erinnerte sich plötzlich an all das, was er einmal selber im Angesicht Gottes behauptet hatte.

"Ja, ich weiß um ihre Sterblichkeit. Trotzdem gibt es kein roteres Rot in der Welt und in meinem Herzen. Diese Blumen sind wie die Liebe.

Mag das Äußere auch verwelken, ihr Rot bleibt in meiner Seele."

Da blickten sich die beiden Wanderer ins Gesicht. Sie erkannten den letzten Funken Himmelslicht in den Augen des Anderen. Und mit einem Schlag wussten sie, woher sie kamen, wozu sie gewandert und wohin sie noch unterwegs waren. Sie entdeckten auch, dass jeder von ihnen bloß einen Flügel besaß.

Voller Freude umarmten sie sich.

Ein Wunder geschah! Gemeinsam konnten sie fliegen, gelangten so zum feurigen Mohnfeld und noch viel weiter ...

Klatschmohnfeld bei Bichishausen im Lautertal Schwäbische Alb
die Blumen der Liebe ...

So sind auch wir Menschen wie Engel mit nur einem Flügel.

Wenn wir unser Ziel erreichen und fliegen wollen, müssen wir einander umarmen.

Verfasser unbekannt

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